Debatte zur Pflege, über Laborwerte und Medikamente

 

Noch immer herrscht die Meinung, dass Alter gleichbedeutend ist mit körperlichem Verfall, geistiger Umnachtung, Demenz. Dieses Gedankengut wird ständig neu aufgewärmt. Man geht davon aus, dass die Menschen durch die ‚gute medizinische Versorgung’ älter werden, aber trotz dieser angeblich guten medizinischen Versorgung setzt man das Alter gleich mit Siechtum, Verfall und Pflegebedürftigkeit. Warum ist das so?

 

Statistiken, die uns sagen, dass z.B. Menschen im Mittelalter nur zwischen 30 und 40 Jahre alte wurden, sind nicht nachvollziehbar. Es gibt Schriften und literarische Werke aus diesen Zeiten, aus denen klar hervorgeht, dass es auch damals schon sehr alte Menschen gegeben hat. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen gab es Menschen, die sehr alt wurden und die bis zu ihrem Lebensende körperlich und geistig frisch geblieben sind. Mein Interesse gilt natürlich diesen Menschen, da ich mich für Gesundheit und Gesunderhaltung, Lebensfreude und die Erfüllung im Leben interessiere.

 

Ich halte es grundsätzlich für eine Verschwendung von geistiger Energie, sich mit vielen tausenden von Krankheiten zu beschäftigen, wenn ich mich mit nur einer Gesundheit beschäftigen könnte. Das Erforschen und das Erschaffen von Krankheiten ist in unserer Zeit ein Wirtschaftszweig geworden, der den Verantwortlichen in seiner Tragweite noch gar nicht bewusst ist.

 

Was unterscheidet nun Menschen, die gesund und vital bis ins hohe Alter sind, von jenen Menschen, die ein hohes Alter erreichen, aber ständig ‚kränkeln’ und dann zu Pflegefällen werden – trotz der ‚hervorragenden Medizin’.

 

Da ich mich sehr intensiv mit dem Studium der Menschen und der Gesellschaft beschäftige, habe ich für mich folgende Erklärung gefunden, welche Menschen gesund altern: Menschen, die das Leben als ein Geschenk sehen, die für sich Verantwortung übernehmen, die intuitiv die Natur als Vorbild sehen, die im Einklang mit ihrer wahren Natur leben, aber auch solche, die in ihrem Glauben Kraft finden und sich selbst und die Menschen so annehmen wie sie sind. Es sind aber auch jene, die in ihrem Beruf Erfüllung und Berufung finden und dann, wenn sie offiziell in den Ruhestand gehen, eine neue Herausforderung finden, Menschen, die bereit sind, Gewohntes in Frage zu stellen, die an sich selbst und die ihnen innewohnende Heilkraft, glauben. Menschen, die lieben.

 

Was machen jene, die ständige medizinische Betreuung brauchen? Sie haben vor allem verlernt, an sich selbst zu glauben. Sie haben verlernt, auf die Signale ihres Körpers zu achten, weil man ihnen gesagt hat, für jedes Wehwehchen gibt es ein Mittel, du brauchst nichts zu tun, du brauchst deine Gewohnheiten nicht zu ändern. Jedes Signal wird im Ansatz betäubt, bis der Körper zu müde und zu anfällig ist, um seine eigene Kraft zu entfalten.

 

Ein Gedankengut, das besonders in der älteren Generation verbreitet ist, sind die penibel einzuhaltenden ‚Laborwerte’. Diese Angst, nicht der Norm entsprechende Werte zu haben, ist so stark verankert, dass viele dieser älteren Menschen sich nur mehr auf diese Laborwerte konzentrieren und sich ständig mit ihren Altersgenossen darüber austauschen.

 

Viele dieser älteren Menschen – aber auch jüngere – übernehmen auch einfach eine Diagnose, weil sie von einer medizinischen Autorität gestellt wird, ohne zu hinterfragen, was sie selbst für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden tun könnten. Aber warum sind diese Menschen, die jetzt im Alter von 80 Jahren und darüber sind, so ‚obrigkeitshörig’? Sie haben schwere Zeiten miterlebt, Hunger, Krieg, Existenzängste, sie mussten schauen, wie sie ihre Kinder durchbringen, ihr Leben war ein ständiger Kampf ums Überleben. Sie hatten kaum die Chance, eine spezielle Ausbildung zu machen oder an einer Universität zu studieren.  Diese Entbehrungen haben sie stark gemacht, aber es gibt auch emotionale Auswirkungen. Manche fühlen sich minderwertig gegenüber jenen,  die studieren konnten und durften, manche sind nur noch froh, keine Verantwortung und keine Entscheidung mehr übernehmen zu müssen. Dadurch ist für sie jede Verordnung, jede Diagnose wie das Amen im Gebet - sie nehmen einfach die verordneten Medikamente ein, ohne sich über Nebenwirkungen Gedanken zu machen. Es ist ja alles wissenschaftlich bestens erforscht und erprobt.

 

Inzwischen wird aber auch in medizinischen Kreisen sehr offen darüber gesprochen,  dass die Nebenwirkungen der Medikamente unterschätzt werden. Und viele  Medikamente haben auch viele Nebenwirkungen.

 

Alte Menschen vertrauen der Medizin, sie nehmen die Medikamente, weil sie glauben, dass viele Medikamente mehr helfen und eine weitverbreitete Meinung ist auch, dass nur der Arzt ein guter Arzt ist, der viel verschreibt.

 

Sie haben verlernt, logisch zu denken. Sie haben verlernt, etwas zu hinterfragen oder gar selbstverantwortlich zu handeln. Wenn man sich mit älteren Menschen unterhält, kommt man ganz schnell zur Überzeugung, dass sie von dem ‚Gedankengut der Symptomverdrängung’ so infiziert sind, dass sie nichts dabei finden, auch zwanzig Medikamente am Tag zu schlucken.

 

Sie nehmen die Auswirkungen dieses Medikamentenmissbrauchs in Kauf, weil sie an das Märchen glauben, dass Alter unweigerlich zu neuen Gebrechen führt.

 

Ich höre immer wieder von Pflegepersonal, dass sehr wohl beobachtet wird,  dass zusätzliche Medikamentenverordnungen zu einer Verschlechterung des Allgemeinbefindens führen oder ein neues Krankheitssymptom hinzukommt. Aber auch das Pflegepersonal ist weisungsgebunden und es ist viel Zivilcourage notwendig, um offen über solche Fälle zu reden.

 

Ich habe in meinem Buch ‚Der Mensch im Gleichgewicht’ erwähnt, wie aufopfernd sich das Pflegepersonal um die alten Menschen bemüht. Doch wenn wir Dinge verändern wollen, die nicht akzeptabel sind, muss darüber geredet werden. Nur so kann es zu einer Veränderung kommen. Durch jahrelanges Beobachten der alten Menschen in Heimen habe ich gesehen, dass es oft zu Verwirrtheit und in Folge davon zu Stürzen kommt. Das wird dann als altersbedingte Veränderung angesehen oder es wird überhaupt nicht darüber nachgedacht. Diese Stürze führen oft zu Knochenbrüchen und in Folge zu Operationen. Die Narkose und die neuverordneten Medikamente tun ihr übriges. So wird der alte Mensch immer mehr zu einem Pflegefall.

 

Bei Demenzkranken ist mir aufgefallen, dass sie oft ein sehr hohes Alter erreichen. Dazu meine Erklärung: Wenn ein Mensch seine emotionalen Probleme vergisst, können diese Probleme keine Auswirkung mehr auf seine Gesundheit haben. Und wir wissen ja, wie sehr unsere Gefühle und Emotionen unser Gesundsein oder auch unser Kranksein steuern und welche ungeahnten Möglichkeiten wir auf dieser Ebene hätten.

 

Welche Medikamente sind es nun, die so oft und gern verschrieben werden? Es sind Schlaftabletten, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, blutdrucksenkende Medikamente, Entwässerungsmittel. Die Wirkung dieser Medikamente hält oft den ganzen Tag über an und so kommt es zu Benommenheit und Schwindel. Das Ergebnis sind die vorhin beschriebenen Stürze.

 

Alle Verantwortlichen, die lange Diskussionen über Pflegenotstand und Verdoppelung oder sogar Verdreifachung der Pflegefälle bis 2030 sprechen, sollten sich mehr für Gesunderhaltung einsetzen, ihr Gedankengut auf die Gesundheit richten. Denn Energie fließt dorthin, wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten.

 

Dazu noch ein wichtiger Punkt, der bei den meisten Menschen - besonders aber bei älteren - sehr vernachlässigt wird, es ist das Atmen. Atmen bedeutet Lebenskraft. Mit dem ersten selbstständigen Atemzug beginnt unser Leben auf dieser Erde und endet mit dem letzten Atemzug in der Dreidimensionalität der Materie. Je nachdem wie wir atmen, versorgen wir unsere Körperzellen mit viel oder wenig Sauerstoff und beeinflussen damit unsere Vitalität positiv oder negativ. Die Atemfrequenz bewirkt innere Ruhe oder Unruhe und der Atemrhythmus hat maßgeblichen Anteil daran, ob wir unausgeglichen oder in Balance sind. Das bewusste Atmen ist eine zutiefst spirituelle Angelegenheit. Es wäre gerade in Alten- und Pflegeheimen sinnvoller, anstelle der täglichen Blutdruckmessungen gezielte Atemübungen durchzuführen. Das wäre ein guter Beginn und wir sollten alle darauf achten, bewusster zu atmen.

 

Der Einzelne ist ein Teil des Ganzen. Jede Veränderung des Einzelnen bewirkt eine Veränderung der Systeme. Da die Systeme auf den Einzelnen angewiesen sind, werden sich auch die Systeme verändern, verändern müssen. Sie bröckeln ja schon.